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Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist, wie der Name schon sagt eine dissoziative Störung, bei der die Identität betroffen ist. Sie ist die Störung, die der multiplen Persönlichkeit zugrunde liegt.
Die dissoziierten Identitäten, im folgenden auch Personen, Persönlichkeiten oder Persönlichkeitszustände genannt, beinhalten bestimmte ihnen zugedachte Funktionen oder auch Eigenschaften, die im Alltagsleben nicht gelebt werden können.
Es bestehen mindestens zwei voneinander unterscheidbare Identitäten in einer Person, bzw. einem Körper, die abwechselnd die Kontrolle über den Körper übernehmen. Damit entstehen vor allem für die Lebensgeschichte der Betroffenen Errinnerungslücken, die nicht allein mit Vergesslichkeit erklärbar sind. Aber auch kann das Gedächtnis in der Gegenwart Lücken aufweisen, die nicht durch den Konsum von Drogen oder Alkohol verursacht wurden. Das heißt natürlich durchaus, daß jemand, der unter einer DIS leidet, sehr wohl auch amnestisch sein kann, für Zeiträume, in denen er oder sie z.B. Alkohol konsumiert hat. Aber diese Amnesien treten an sich unabhängig vom Alkoholkonsum auf und eben auch, wenn nichts getrunken wurde.
Somit weiss man dann nicht, was man in einer bestimmten Zeit, die von ganz unterschiedlicher Länge sein kann, getan oder gesagt hat oder man merkt selbst nichts von seiner Amnesie, aber man wird vielleicht beispielsweise von anderen Menschen auf Verhaltensweisen o.a aufmerksam gemacht, von denen man selbst nichts weiss. Vielleicht ist man dann selbst auch ganz und gar nicht mit den beschriebenen Verhaltensweisen einverstanden... Oder aber man erlebt, dass eine der Personen sich aus dem Inneren nach aussen drängt und beispielsweise anfängt zu sprechen- und man selbst kann es nicht verhindern. Auch jemand, der nicht unter dieser Störung leidet, wird sich nun vielleicht vorstellen können, daß all dies einen enormen Leidensdruck bei den Betroffenen bewirkt, vor allem auch, wenn diese ihre Diagnose noch nicht wissen. Aber nach nach Kenntnis um diese Störung.
Die einzelnen Identitäten können aber auch, zumindest teilweise oder zeitweise kobewusst sein. Sie bekommen das Handeln, Denken und Fühlen der anderen mit. Es können auch kobewusste und amnestische Identitäten nebeneinander existieren. Oder aber die Primärpersönlichkeit allein, das ist meist die, die den ursprünglichen Namen trägt und allgemein die meiste Zeit "draußen" ist weiss nichts von der Existenz der übrigen. Das kann beispielsweise bedeuten, dass eine der Personen einer anderen etwas mitteilt...Wer sagt schon gerne, daß er Stimmen hört? Bei der Dissoziativen Identitätsstörung werden diese wenn innerhalb des Kopfes wahrgenommen im Gegensatz zu einer schizophrenen Erkrankung, bei der die Stimmen ausserhalb des Kopfes wahrgenommen werden. Wir möchten hier aber betonen, dass wir auf unserer Homepage keinesfalls über schizophrene Menschen wettern wollen. Genauso kann es passieren und da gibt es vordergründig eine Gemeinsamkeit, dass man die Gedanken einer anderen Person im Inneren wahrnehmen kann oder dass diese ihre Gefühle förmlich aufdrängt...Bisher sachunkundige BesucherInnen können sich jetzt vielleicht nun gut vorstellen, daß man als Betroffene (das gilt für Männer natürlich auch) eben schon ganz genau aufpassen muss, wem man dergleichen von sich erzählt...
Die übrigen Persönlichkeitszustände können jeweils einen eigenen Namen haben, was aber keinesfalls bei allen der Fall ist. Sie weisen aber eigene Erinnerungen auf, können über andere Vorlieben, Interessen, Kontakte zu anderen Menschen verfügen und andere Ansichten, auch zu sich selbst haben als die Primärpersönlichkeit. Sogar das Geschlecht und das Alter müssen keinesweges mit dem der Primärpersönlichkeit übereinstimmen. Kleine Kinder in einer Multiplen anzutreffen ist nicht selten, sondern eher wahrscheinlich. Oft trauen sich diese aber nicht nach draußen.
Der Begriff der Dissoziativen Identitätsstörung, der hierzulande auch wohl der üblichere ist ist unseres Erachtens der präzisere, weil er besser geeignet ist z.B. Unterschiede in der Bewusstheit der verschiedenen Persönlichkeitszustände zu erfassen als der Begriff der Multiplen Persönlichkeitsstörung (MPS).
Die Dissoziative Identitätsstörung ist im übrigen an sich keine Persönlichkeitsstörung. Sie ist nicht an ein bestimmtes, stets wiederkehrendes Verhaltensmuster gebunden. Es ist aber nichts ungewöhnliches, wenn jemand, der eine Dissoziative Identitätsstörung hat, gleichzeitig auch eine Persönlichkeitsstörung hat. Die einzelnen Persönlichkeiten in einer oder einem Multiplen können auch jeweils verschiedene Symptome oder Störungen aufweisen. Auch andere psychische Störungen, wie Eßstörungen z.B., aber auch eine Schizophrenie kann gleichzeitig neben der DIS bestehen. Dies erfordert eine genaue Diagnostik und es ist keinesfalls ungewöhnlich, wenn eine Betroffene vor der Festellung der DIS jahrelang andere, vielleicht auch falsche Diagnosen erhalten hatte. Die übrigen Diagnosen müssen nicht falsch gewesen sein. Denn es kann ja z.B. eben sehr wohl, wenn auch relativ selten sein, dass eine Person, die unter einer DIS leidet, gleichzeitig an einer Schizophrenie erkrankt ist oder erkranken wird. Allerdings kann es dann eben sein, wenn die oder der Betroffene nur wegen der anderen Störungen behandelt wird, vielleicht jahrelang nicht die Fortschritte macht, die zu erwarten und wünschenswert wären, so lange die Dissoziative Identitätsstörung nicht festgestellt und gezielt psychotherapeutisch behandelt wurde bzw. wird. Nicht selten ist übrigens auch das gleichzeitige Bestehen einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Dies gilt auch für verschiedene andere Formen der Dissoziation. Häufig anzutreffen sind bei multiplen Persönlichkeiten selbstverletzendes Verhalten (SVV) und Eßstörungen, nicht selten ist eine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS). Letzteres aber längst nicht so häufig, wie dies zuweilen behauptet wird. Die Meinungen da gehen allerdings auseinander. Zuweilen wird die Dissoziative Identitätsstörung lediglich als ein Symptom der Borderline-Persönlichkeitsstörung gesehen. Also nicht als eigenständiges Krankheitsbild. Dieser Aufassung wollen und können wir nicht zustimmen. Dennoch kann beides zusammenkommen, was kaum verwundern dürfte anbetracht des lebensgeschichtlichen Hintergrundes beider Störungen.
Der Begriff der multiplen Persönlichkeit ist keinesfalls neu, wenn die Dissoziative Identitätsstörung und die Multiple Persönlichkeitsstörung zuweilen gerne als "Modediagnosen" bezeichnet werden. Zum Beispiel Eugen Bleuler, er war der Arzt, der sich den Begriff der Schizophrenie "ausgedacht" hat, wußte sehr wohl um die Existenz der Multiplen Persönlichkeit und dies von der von ihm beschriebenen und bezeichneten Schizophrenie zu differenzieren. Derzeit sprach man auch von alternierenden Persönlichkeiten bzw. von alternierendem Bewusstsein. Es gibt eine ganze Reihe Beispiele aus den letzten Jahrhunderten, in welchen multiple Persönlichkeiten beschrieben wurden. Auch das Wissen um die Traumagenese ist keinesfalls so neu, wie zuweilen gerne behauptet wird.
Die Dissoziative Identitätsstörung, das selbe gilt natürlich auch für die Multiple Persönlichkeitsstörung, aber diesen Begriff verwenden wir nicht so gerne, ist in dem meisten Fällen die Folge anhaltender extremer Traumatiesierung in der frühen Kindheit. Sie ist eine rein psychogene Störung, was übrigens für alle dissoziative Störungen gilt. Im Gegensatz zu den Schizophrenien, bei der mehrere Faktoren zusammenkommen müssen, damit diese manifest werden durch eine damit verbundene akute Psychose. Dazu können gehören z.B. eine genetische Disposition (Veranlagung, diese kann vererbt werden, nicht die Erkrankung als solche)und eine als Überbelastung empfundene aktuelle Situation. Auch an einer Schizophrenie erkrankte Menschen können in frühester Kindheit traumatisiert worden sein und es ist keine besondere Seltenheit, gerade unter chronisch erkrankten schizophrenen Menschen, solche anzutreffen, die ebenso schwere Traumatisierungen in frühester Kindehit erleben mußten. Dennoch kommen dann eben allgemein verschiedene Faktoren zusammen. Hier soll nur kurz auf den Unterschied eingegangen werden, auch um zu verdeutlichen, dass die Dissoziative Identitätsstörung eine ausschliesslich psychotraumatisch bedingte Störung ist. Nun kann es aber sehr wohl sein, dass jemand mit einer mehr oder minder ausgeprägten Disposition zur Schizophrenie, bei einer entsprechenden sehr frühen und extremen Traumatisierung ebenso eine Dissoziative Identitätsstörung entwickelt hat. Es kann aber auch vorkommen und das scheint eher häufiger zu sein, als daß jemand mit einer DIS tatsächlich als ganze Person sozusagen an einer Schizophrenie erkrankt, daß z.B. nur eine Innenperson Merkmale einer schizophrenen Psychose aufweist und das kann auch auf bestimmte Zusammenhänge beschränkt sein. Colin Ross (1997)beschreibt eine dissoziative Form der Schizophrenie, also als weitere Untergruppe für diejenigen, die multipel sind und zweifelsfrei an einer Schizophrenie erkrankt sind. Dabei nennt er auch einen deutlichen Zusammenhang mit gleichzeitig vorhandenen Borderline-Symptomen. Wir meinen allerdings, daß zwar ein solcher Zusammenhang aller drei Erkrankungen gleichzeitig sicher gegeben sein kann, aber nicht muß und, daß alle Formen der Schizophrenie bei den wenigen Multiplen, die schizophren werden, vorkommen können, dann aber auch unabhängig von der jeweiligen Form insgesamt wirken können wie eine Art Dissoziation auf einer psychotischen Ebene. Wir meinen aber auch, daß letzteres nicht nur auf Multiple begrenzt sein muß. Leider sind uns dazu keine Studien bekannt. Es ist mehr unser persönlicher Eindruck.
Als Ursache kommen vor allen Dingen sexueller Mißbrauch in Frage, körperliche Misshandlung, emotionale Deprivation (kann man auch einfacher ausgedrückt extreme emotionale Vernachläßigung nennen)und Entwertung sowie eigentlich alles, was zu realen Todesnäheerfahrungen führen kann. Natürlich können verschiedene Ursachen zusammenkommen. Das ist sogar mehr als wahrscheinlich, da zum Beispiel sexueller Missbrauch, sofern er in der Familie bzw. Verwandschaft(nicht immer nur durch den Vater!) stattfindet, allgemein in einem familiären Klima geschieht, wo beispielsweise die Rollen vertauscht werden unter den einzelnen Familienmitgliedern und vor allem Generationen und auch andere Bedingungen herrschen können, die eine weitere für ein Kind und später Jugendlichen eine mehr oder minder komplexe anhaltende Belastungssituation darststellen, die eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung zumindest erheblich beeinträchtigen. Was natürlich keinesfalls bedeuten soll, daß multiple Persönlichkeiten per se unreife Geschöpfe wären !
Die einzelnen Identitäten in einer multiplen Persönlichkeit können wie gesagt einen unterschiedlichen Reifungsgrad (eben auch ein unterschiedliches Alter unabhängig vom Zeitpunkt ihrer Entstehung) aufweisen. Was aber eben eingeschränkt bzw. erstmal unmöglich ist, ist die Integrierbarkeit der einzelnen untereinander. Das ist aber auch eine Überlebensstrtegie. Was ein Kind allein nicht ertragen kann, ertragen bei Multiplen gleich mehrere Kinder, die sich dann gemäß der Lebensbedingungen individuell weiterentwickeln.
Die verschiedenen Personen innerhalb einer multiplen Persönlichkeit stellen ein individuell verschiedenes System dar, das gewissermassen von aussen betrachtet die "Gesamtpersönlichkeit" darstellt. Daher können die verschiedenen Persönlichkeitszustände auch als Anteile der Primärpersönlichkeit betrachtet werden. Und nicht jeder mit einer DIS hat aktuell mehr oder weniger regelmäßig Amnesien und nicht alle Personen in einem System können wirklich als wirkliche Persönlichkeiten gesehen werden. Da verschiedene Wesenszüge bei einer multiplen Persönlichkeit auf mehr oder weniger viele Personen aufgeteilt sind, sind diese auch ausgeprägter als man dies bei einer Einzelperson erwarten würde. Die einzelnen Personen können geradezu konträr zueinander erscheinen, wodurch dann Persönlichkeitswechsel (auch Switches genannt) eher auffallen, als wenn die Unterschiede eher gering sind und die einzelnen Personen zum Beispiel eine vergleichbare Persönlichkeitstruktur aufweisen und damit die Wechsel weniger offensichtlich sind.
Natürlich gibt es aber auch bei der Art der Wechsel Unterschiede, jenachdem, ob eine Person abrupt benötigt wird um eine bestimmte akute Situation zu bewältigen. Die Wechsel können demnach auch einen eher fliessenden Übergang darstellen und man sollte bedenken, daß nicht wenige multiple Persönlichkeiten jahrelang darin trainiert sind, ihre Symptome zu verbergen. Auch die Personen, die im Inneren leben, müssen keinesfalls daran interessiert sein, dass man sie äusserlich deutlich wahrnimmt. Es ist auch keinesfalls unbedingt zu erwarten, daß sie nach "draußen" kommen, wenn sie zu einer Person, einem Arzt z.B. oder wem auch immer gegenüber kein oder wenig Vertrauen haben. Wie den Kriterien der MPS, die im ICD 10 ebenso bei den dissoziativen Störungen (F44.81) zu finden ist wie die Dissoziative Identitätsstörung im DSM IV entnehmbar ist, können einzelne Innenpersonen auch durch Hypnose oder Entspannung nach "draußen" und damit zum Vorschein gebracht werden, zumal ja Multiple über eine erhöhte Hypnotisierbarkeit verfügen. Das kann im Alltag aber eben auch bedeuten, daß die einzelnen Innenpersonen keineswegs nur unter Streß auftauchen, sondern eben auch, wenn sie z.B. Vertrauen zu jemandem entwickeln.
Deistler Imke; Vogler, Angelika Einführung in die Dissoziative Identitätsstörung, Junfermann 2002 Fiedler, Peter Dissoziative Störungen und Konversion,Beltz 2001 Huber, Michaela Multiple Persönlichkeiten, Fischer 1995 Ross, Colin A. Dissociative Identity Disorder, John Wiley & Sons,Inc 1997 Schneider, Peter K. ICH bin WIR. Die MULTIPLE Persönlichkeit, ars una 1997
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