Madeleine Gullert beschreibt für junge Leser Kölner Stadt-Anzeiger die Borderline-Persönlichkeitsstörung und interviewte dafür zwei Betroffene sowie die Krankenschwester Dian Tara Krautz.

Viele "Borderline"-Patienten verletzen sich und erleben extreme Stimmungsschwankungen

von Madeleine Gullert

Was wirklich hinter der Krankheit steckt, wissen meist nur Betroffene.

Vor einem halben Jahr kam die Diagnose: Carla (19) (Namen von der Redaktion geändert) leidet an Borderline, einer Persönlichkeitsstörung. Das Mädchen wurde von "schlimmen Gedanken" geplagt und hatte begonnen, sich selbst zu verletzen. "Ich war in einer Sekunde aggressiv, in der nächsten depressiv und dann ganz glücklich", erinnert sich Carla. "Ich hatte das Gefühl, dass ich anders bin als die anderen."

Als ihr erster Freund sich von ihr trennt, bricht etwas in Carla aus. "Meine Kindheit war nicht schön, weil meine Eltern sich immer gestritten haben, das kam wohl plötzlich hoch." Sie beginnt, sich zu ritzen (sich selbst Schnittverletzungen zuzuführen), hat Alpträume und das traurige Gefühl, ganz alleine zu sein. Carlas Mutter hält das Verhalten ihrer Tochter zunächst für eine "Phase", doch beim Arzt erhält Carla Gewissheit - sie leidet eindeutig unter Borderline.

Lebensmüde

In ihrer nächsten Beziehung kommt es zum traurigen Höhepunkt von Carlas Krankheit. Ihren neuen Freund belastet die Erkrankung so sehr, dass er eine Pause von der Beziehung will. Nachdem Carla ihre Sachen bei ihm abgeholt hat, geht sie auf ein abgelegenes Fabrikgelände, schlitzt sich die Pulsadern auf und nimmt eine Überdosis ihrer Medikamente. "Ich lag eine Stunde so da, doch dann kam mir der Gedanke, dass ich doch weiterleben will. Ich schleppte mich zurück zu meinem Exfreund und schrie nur noch »Hilf mir«." Der Notarzt brachte sie ins Krankenhaus. "Ich hatte das furchtbare Gefühl, jemanden umgebracht zu haben, als ich das Blut auf meinen Armen sah", erinnert sich das Mädchen.

Diese Bilder holen sie immer wieder ein. Ihre Familie versucht, sie zu unterstützen, aber eine Zeit lang hat ihr eigener Bruder zu Hause stets seine Zimmertür verschlossen, aus Angst vor der eigenen Schwester. "Dabei richtet sich meine Wut und Gewalt immer nur gegen mich selbst, ich würde niemals jemandem etwas antun", erklärt Clara. In einer Verhaltenstherapie lernt Clara mittlerweile Alternativen zur Selbstverletzung. Anstatt sich mit einer Rasierklinge zu schneiden, soll sie sich mit Eiswürfeln über den Arm fahren.


Ständiger Begleiter der jungen Frau ist die Angst, die Therapie könne fehlschlagen. "Auch wenn ich mich weniger ritze, verschwinden ja nicht die Gedanken in meinem Kopf", ängstigt sich Carla. Sie wünscht sich nichts mehr, als dass diese Gedanken verschwinden, die Gedanken, die sie immer wieder zurück zu dem Moment ihres Selbstmordversuchs führen. "Ich führe gar kein normales Leben", so die 19-Jährige.


Ein Balance-Akt ist das Leben für Borderline-Patienten.

Ein Balance-Akt ist das Leben für Borderline-Patienten. Symbolbild: Matthias Heinekamp

Borderline

Borderline bezeichnet eine emotional instabile Persönlichkeitsstörung . Diagnostiziert wird anhand neun festgelegter Kriterien, unter anderem nach den folgenden Symptomen: selbstverletzendes Verhalten, suizidale Tendenzen, Stimmungsschwankungen, ein Muster von Idealisierung und Entwertung, Gefühl von chronischer Leere, Depressionen, Risikoverhalten. Eindeutig gesicherte wissenschaftliche Zahlen zur Häufigkeit der Erkrankung gibt es nicht. Es wird davon ausgegangen, dass zwischen ein und zwei Prozent der Bevölkerung betroffen sind.

© Madeleine Gullert, KSTA, 24.04.2008

Zur Schule geht sie nicht mehr, da ihr Exfreund mit ihr damals zur Anmeldung gegangen ist, und allein der Weg zur Schule sie an ihn denken lässt. Das erträgt sie nicht. Sie möchte den Realschulabschluss nachholen und eine Ausbildung als technische Zeichnerin machen, doch der Weg dahin wird schwer. Die junge Frau bekommt Medikamente, die sie beruhigen sollen.

"Ich habe mal versucht, die wegzulassen, aber dann drifte ich total ab", so Carla. Sie kommt sich manchmal vor wie in einem Film und weiß nicht, wo sie ist. "Ich sehe dann die Bilder von dem Blut an meinen Händen." Ihre Mutter hat sie kürzlich zwangseinweisen lassen, als sich Carla erneut in diesem Zustand befand. Das Mädchen verfolgt die Therapie weiter, denn sie möchte nicht mehr auf die Medikamente angewiesen sein und endlich wieder die Kontrolle über sich selbst gewinnen.


Den Wunsch, wieder die Kontrolle zu besitzen, kennt auch Julia. Die 19-Jährige hat sich zum ersten Mal geritzt, als sie 14 Jahre alt war. Anfangs kratzte sich das junge Mädchen die Arme mit ihren Nägeln auf, bis sie Blutergüsse hatte. Kurz darauf kam sie auf die Idee, sich mit Rasierklingen zu verletzen und sich selber zu schlagen.

Völlig überfordert

Angefangen hat alles, als sich ihre Eltern scheiden ließen. Die damals neunjährige Berlinerin zog mit ihrer Mutter ins Rheinland zum neuen Lebensgefährten der Mutter samt dessen Kindern. "Vorher hatte ich die doch nie gesehen, neue Stadt, neue Familie, neue Schule - das war alles sehr viel." Das junge Mädchen war überfordert und fraß alle Probleme in sich rein. Sie fühlte sich alleine.

Julia leidet unter starken Stimmungsschwankungen. "Ich werde sehr schnell aggressiv und frustriert. Meine wechselnde Stimmung kann nicht jeder verstehen." Viele Freunde hat sie dadurch verloren. Als sie mit 14 begann, sich zu verletzen, versteckte sie es - vor den Eltern, den Geschwistern und den Mitschülern. Sie erzählte, die Katze habe sie gekratzt oder behalf sich mit langärmligen Shirts.

Als die Familie von der Krankheit erfuhr, erkannte Julia, dass sich etwas ändern muss. Sie wurde zu einem Psychologen geschickt, doch nichts änderte sich. Sie betrank sich manchmal sinnlos und ritzte sich weiter. Begleitet wurde die Krankheit durch Magersucht.

Gleichgültigkeit

Durch ihre extremen Stimmungsschwankungen kann Julia nur schwer Freundschaften oder Beziehungen aufbauen. "Wenn Freunde Probleme haben, ist mir das oft einfach ganz egal", gesteht Julia und weiß, dass sie sich nicht "richtig" verhält. Das Leben nehmen wollte sich die junge Frau aber noch nie. "Ich fahre kein Auto, weil ich Angst habe, dass ich eine Sekunde lang die Kontrolle verliere und einfach gegen einen Baum fahre."

Julia besucht seit Anfang April eine Gruppentherapie, die bis jetzt gut verläuft. "Ich bin doch auch nur ein Mensch. Ich möchte nach der Therapie eine Ausbildung machen, irgendwann mal ausziehen und eine Familie gründen. Eben ein ganz normales Leben führen, das ich in den sechs Jahren mit meiner Krankheit noch nicht kennenlernen durfte."

Interview mit der Krankenschwester Dian Tara Krautz

Dian Tara Krautz (36) arbeitet seit zwölf Jahren in den Rheinischen Kliniken Köln-Merheim mit Borderline-Patienten.

Kölner Stadt-Anzeiger: Was sind Symptome für Borderline?

Dian Tara Krautz: Borderliner sind alle sehr unterschiedlich. Bei vielen gibt es ein Trauma in der Kindheit, wie Missbrauch. Borderliner haben eine chronische Leere in sich. Es ist schwer, sie zu verstehen, und sie wollen nur überleben. Sich zu verletzen und dann das Blut zu sehen, zeigt ihnen, dass sie leben, wenn sie es schon nicht fühlen können. Danach folgen oft große Scham und Schuldgefühle. "Du bist nichts wert, du siehst scheiße aus . . ." Genauso verhält es sich mit Essstörungen, unter denen etwa 60 Prozent der Borderliner leiden. Sie haben Kontrolle über das Essen, wenn schon über nichts anderes.

Kölner Stadt-Anzeiger: Gibt es Unterschiede bei Männern und Frauen?

Dian Tara Krautz: Männer sind fremdaggressiv, während Frauen eher autoaggressiv sind oder waren. Das hat sich mit der Zeit geändert. Viele junge Frauen betrinken sich auf Flatratepartys, die Frauen und Männer schlagen sich untereinander, haben Gruppensex oder Sex mit Partnern, von denen sie wissen, dass sie HIV-positiv sind. Risiken eingehen und sich spüren, das ist das Ziel dieses Verhaltens.

Kölner Stadt-Anzeiger: Ist Borderline eine Modeerscheinung?


Dian Tara Krautz
Dian Tara Krautz

Dian Tara Krautz: Nein, es ist keine Modediagnose, sondern die Diagnostik ist besser. Früher gab es noch gar keinen Namen für diese Störung oder es wurden nur Verdachtsdiagnosen gestellt. Borderliner wurden häufiger als Schizophrene oder in neurotische Störungen diagnostiziert. Heute ist die Diagnose leichter zu stellen, weil wir mehr über die Diagnose wissen und neun Kriterien haben. Aber es müssen fünf von diesen neun Kriterien erfüllt werden. Wer sich schneidet, ist nicht direkt Borderliner.

Man muss sehr vorsichtig mit der Diagnose sein, da sie ein Stigma für die Betroffenen sein kann. Aus diesem Grund sollten Menschen mit Verdacht auf Borderline professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.

Kölner Stadt-Anzeiger: Wie können Angehörige mit Borderlinern umgehen?

Dian Tara Krautz: Man muss sich immer vor Augen halten, dass der Leidensdruck bei diesen Menschen sehr hoch ist. Vor allem darf man mit Borderlinern nur dann über ihre Krankheit sprechen, wenn sie eine ruhige Phase haben und nicht, wenn sie sich gerade schneiden oder aggressiv sind. Außerdem sollte man mit ihnen in "Ich-Botschaften" sprechen, zum Beispiel "Mir geht es nicht gut, wenn du dich schneidest. Wie können wir in Zukunft darauf reagieren, und wie gehen wir in Zukunft damit um?" Angehörige dürfen nie vergessen, dass die Borderliner uns nicht ärgern wollen mit ihrem Verhalten. Sie stehen nur stets unter extremer Anspannung, das können wir uns gar nicht vorstellen.

Das Gespräch führte
Madeleine Gullert
Dian Tara Krautz


Den Artikel, das Interview mit der Krankenschwester Dian Tara Krautz und die Fotos haben wir vom Kölner Stadt-Anzeiger freundlicherweise für die Veröffentlichung auf unserer Homepage zur Verfügung gestellt bekommen. Der Artikel und das Interview sowie die kurze Information über die Borderline-Persönlichkeitsstörung sind am 24.04.2008 im Kölner Stadt-Anzeiger erschienen und urheberrechtlich geschützt.

Im folgenden findest du eine kurze eigene Zusammenfassung von möglicherweise hilfreichen Informationen über Frau Krautz und das therapeutische Angebot für Borderline-Patientinnen und -Patienten der Rheinischen Kliniken Köln.




Die 36-jährige Krankenschwester arbeitet schon seit 12 Jahren in den Rheinischen Kliniken mit Borderline-Patientinnen, hat ihre Ausbildung für die DBT in Freiburg absolviert und leistet darüber hinaus Öffentlichtskeitsarbeit und Fortbildung für ihre Kollegen zum Thema Borderline. Neben der Arbeit in der Tagesklinik 17 für Patientinnen und Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, der Arbeit in den drei ambulanten DBT-Gruppen, führt sie die Vorstellungsgespräche für diese Gruppen. Freitags bietet sie zusätzlich Beratungsgespräche für Borderline-Patientinnen an, die von außerhalb der Rheinischen Kliniken kommen und Interesse an der DBT haben.

Zusammen mit Reka Markus hilft sie seit 2003 in den ambulanten DBT-Gruppen Borderline-Patientinnen ihr Verhalten besser zu steuern und ihre Krankheit somit besser zu bewältigen, stabiler zu werden. Sie ist DBT-Co-Therapeutin, DBT-Co-Trainerin sowie Praxisanleiterin. Darüberhinaus bietet sie für Kollegen Fortbildungen zur Borderline-Persönlichkeitsstörung und zur Achtsamkeit an. DBT steht für Dialektisch Behaviorale Therapie und wurde von der Amerikanerin Marsha Linehan und ihren Kollegen speziell für suizidale Borderline-Patientinnen entwickelt.



Die Dialektisch Behaviorale Therapie wurde in den USA von Marsha Linehan und ihren Kollegen für suizidale Borderline-Patientinnen entwickelt. In der DBT nehmen die Patientinnen und Patienten an einer Gruppentherapie teil, in der sie Techniken erlernen zum besseren Umgang mit Gefühlen und Streß, zudem werden Achtsamkeit und zwischenmenschliche Fertigkeiten vermittelt. Nach jeder Stunde gibt es Hausaufgaben, über die die Patientinnen und Patienten genau Buch führen sollen.

Neben der Gruppentherapie gibt es auch eine Einzeltherapie, die für alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer Pflicht ist. Dort geht es darum, das in der Gruppe Gelernte anzuwenden

In der ambulanten DBT gibt es zudem die Möglichkeit der telefonischen Beratung zwischen den Therapiestunden. In der telefonischen Beratung kann besprochen werden, welche Skills jetzt gerade angewendet werden können.

Die Dialektisch Behaviorale Therapie geht von folgenden Grundannahmen aus:

  • Borderline-Patientinnen wollen sich ändern.
  • Borderline-Patientinnen haben im Allgemeinen ihre Probleme nicht selbst herbeigeführt, müssen sie aber selbst lösen.
  • Borderline-Patientinnen müssen sich stärker anstrengen, härter arbeiten und höher motiviert sein als andere. Das ist ist ungerecht!
  • Das Leben suizidaler Borderline-Patientinnen ist so, wie es ist, nicht auszuhalten und unerträglich.
  • Borderline-Patientinnen müssen im Allgemeinen in allen Lebensbereichen neues Verhalten lernen.
  • Borderline-Patientinnen können in der DBT nicht versagen.
  • Therapeutinnen, die mit Borderline-Patientinnen arbeiten, brauchen Unterstützung

Aus: Dialektisch Behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung, Marsha Linehan, © 1996 CIP-Medien, S. 78-80

Adresse der TK 17

Rheinische Kliniken Köln
TK 17
Wilhelm-Griesinger-Straße 23
51109 Köln-Merheim
Durchwahl zum Team der TK 17: 0221-8993-317

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Monika Kreusel

Zuletzt aktualisiert am 29.04.2008

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